Challenge #10

Wie man auf sein Herz hört (aus Sicht der Wissenschaft)

Psychotherapie und Hypnose Roschanski Augsburg - Sprache des Herzens

Irgendwann hatte ich einen Punkt erreicht, an dem ich die pseudo-klugen Sprüche auf Facebook, Postkarten und Deko-Kissen satthatte: „Hör auf dein Herz!“, „Dein Herz spricht die Wahrheit“, „Folge der Stimme deines Herzens!“

Häää? Welche Stimme??? Von welchem Herz ist hier die Rede? Diese plumpe Pumpe in meinem Brustkorb? Seit wann kann die sprechen? Auf welchem Kanal ist die bitteschön zu empfangen? Und was verflixt nochmal labert die?

Naja, ganz so schlimm war es nicht. Ich habe eigentlich nie daran gezweifelt, dass es so etwas wie eine Herzstimme gibt. Aber ich muss zugeben, dass ich ein sehr verkopfter, skeptischer Mensch bin und mir das schon oft wie ein Haufen esoterischer Quark vorkam.

Aber aufgepasst, all ihr lieben Kopfmenschen da draußen! Für uns, die wir für alle faszinierenden Phänomene 99 „Ja, aaaaber…“ parat haben und alles boykottieren, solange es nicht über mindestens zehn Wissenschaftler-Lippen kam:

Dieser Artikel wird eure endlos plappernden Monkey Minds vielleicht endlich mal verstummen lassen. Denn dank der modernen Wissenschaft können wir jetzt auch intellektuell an die Stimme in unserem Herzen glauben (und durch sie die Welt verbessern).

 

Wir haben ein Gehirn im Herzen

 

Vor nicht allzu langer Zeit hat ein Neurokardiologe namens J. Andrew Armour nachweisen können: Das Herz ist nicht nur irgendeine Blutpumpe. In unserem Herzen gibt es ein eigenständiges „kleines Gehirn“. Es besteht aus 40.000-50.000 Nervenzellen. Diese Zellen bilden ein komplexes System, das unabhängig vom Kopf-Gehirn agieren kann. Das Herz-Gehirn kann z.B. selbst Dinge wahrnehmen und auf Veränderungen schneller reagieren als das Kopf-Gehirn, weil Gefühle schneller und machtvoller sind als Gedanken. Je nach Wahrnehmung kann das Herz-Gehirn die Herzfunktion regulieren. Es kann lernen, sich erinnern, Entscheidungen treffen, Abläufe koordinieren, den gesamten Organismus beeinflussen und natürlich Infos ans Kopf-Gehirn senden (vgl. Krutti, 2015, S. 111; Krutti, 2017).

Unser Herz kann sogar selbst Hormone ausschütten, wie zum Beispiel das „Liebeshormon“ Oxytocin. Oxytocin wird beim Küssen, bei Berührungen und in besonders hoher Konzentration beim Orgasmus und beim Stillen von Babys freigesetzt. Das Hormon stärkt die emotionale Bindung, es lässt uns anderen Menschen vertrauen. In einem Zeit-Online-Artikel von November 2016, in dem über entsprechende Forschungen des Universitätsklinikums Ulm berichtet wurde, heißt es:

„Die Freisetzung des Hormons – und das ist die Sensation, die einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft herbeiführen könnte – wird zum Teil unmittelbar durch Berührungen ausgelöst, das Gehirn muss gar nicht in den Signalweg eingebunden sein. Der Impuls zur Freisetzung geht vom Reiz (einer Umarmung oder Sex) direkt zum Herzen! Dieses schüttet dann eigenes Oxytocin aus, ohne das Hirn zurate zu ziehen.“

 

Auf den Punkt gebracht:

Unserem Herzen wohnt eine eigene, unabhängige Intelligenz inne, eine „Herzintelligenz“.

 

So nutzt du die Herzintelligenz 

 

Wäre es nicht toll, wenn wir uns diese Herzintelligenz zunutze machen könnten? Die Sprache des Herzens verstehen könnten?

Dazu müssen wir unser Herz erst mal besser kennenlernen, eine Verbindung zu ihm herstellen. Das HeartMath-Institut in Kalifornien, das mit der Stanford Universität zusammenarbeitet und seit 1991 wissenschaftliche Forschung über die Herzintelligenz betreibt, hat dazu eine einfache Übung entwickelt: Die Herzkohärenz-Übung (vgl. De Pape, 2014, S. 58f).

 

1. Eine Verbindung zum Herzen herstellen

Ziel der Übung ist – wie der Name sagt – ein kohärenter Herzrhythmus. Also ein sanfter, ruhiger, gleichmäßiger und harmonischer Rhythmus, so wie wir ihn erleben, wenn wir positive Gefühle wie Wertschätzung, Liebe oder Mitgefühl fühlen (ganz im Gegenteil zum inkohärenten Herzrhythmus bei Ärger oder Frust – dann ist der Rhythmus instabil, unregelmäßig, chaotisch). Ein kohärenter Rhythmus ist Balsam für Körper, Geist und Seele. Er bringt alle Körpersysteme – vom Immun- über das Verdauungs-, Hormon-, Kreislauf- bis zum Nervensystem – ins Gleichgewicht.

Die Herzkohärenz-Übung erinnert an Meditation, ist aber keine Entspannungsmethode. Es geht dabei nicht um die Anzahl der Herzschläge selbst, sondern um deren gleichmäßigen Wechsel. Herzkohärenz lässt sich bei einem Puls von 50 genauso erzeugen wie bei einem Puls von 150 und ermöglicht selbst bei Anspannung innere Ruhe.

Einige Spezialeinheiten von Polizei und Militär sowie Kampfpiloten wenden HeartMath-Techniken an, um in stressigen oder lebensbedrohlichen Situationen ruhig und aufmerksam zu bleiben und richtige Entscheidungen zu treffen (Krutti, 2016).

So geht die Herzkohärenz-Übung:

 

  1. Schließe die Augen. Lege deine Hand aufs Herz. Dieser Vorgang bringt im Körper das Hormon Oxytocin in Bewegung – du weißt schon, dieses Liebeshormon, der Popstar unter den körpereigenen Substanzen.
  2. Stell dir jetzt vor, du atmest durch dein Herz ein und aus. Atme dabei tiefer aus als ein, als würde die Schwerkraft den Atem zur Erde ziehen. Atme sechsmal ein und aus, wobei du jeweils tiefer aus- als einatmest. Mache so weiter, bis dein Atem sich beruhigt hat und natürlich anfühlt.
  3. Atme weiter durch dein Herz. Stelle dir mit dem nächsten Einatmen vor, dass du Leichtigkeit, Liebe und Mitgefühl einatmest. Atme ganz natürlich aus. Stelle dir beim nächsten Einatmen vor, dass du Leichtigkeit, Liebe und Mitgefühl einatmest. Und atme aus. Spüre nun beim dritten Einatmen, wie du Leichtigkeit, Liebe und Mitgefühl durch das Herz hineinziehst. Beim nächsten Ausatmen kannst du die Hand sinken lassen und die Augen öffnen.

 

Wer diese simple Übung in den nächsten Wochen drei- bis fünfmal täglich macht, wird laut HeartMath-Institut dieses innere Wohlbefinden bald verinnerlichen und zu seinem Normalzustand machen. Irgendwann brauchen wir nur noch die Hand aufs Herz legen und der Prozess wird automatisch in Gang gesetzt.

 

2. Die Sprache des Herzens verstehen

So, nun hast du dein Herz ins Gleichgewicht gebracht und dich mit ihm verbunden. Das brauchst du, wenn du der Stimme des Herzens zuhören möchtest. Denn nur in dieser Kohärenz können wir direkt mit dem Herzen kommunizieren.

Um nun herauszufinden, was dein Herz dir sagt, hilft diese zweite Übung, die ebenfalls vom HeartMath-Institut stammt (gefunden auf MyMonk):

  1. Stelle Herzkohärenz her (siehe oben)
  2. Stelle dir eine Frage, auf die du dein Herz antworten lassen willst, z.B. „Soll ich diese Beziehung weiterführen?“ Konzentriere dich dabei auf dein Herz. Was passiert, wenn du dir diese Frage stellst?
    1. Fühlt es sich warm (bzw. wärmer als zuvor) in der Herzgegend an, fühlt es sich so an, als würden sich Brustkorb, Herz und Liebe ausdehnen? Dann lautet die Antwort des Herzens „Ja“.
    2. Fühlt es sich dagegen eher so an, als würde sich das Herz zurückziehen und verschließen, dann lautet seine Antwort „Nein“.

Die Herzenssprache zu erlernen braucht sicherlich Übung – wie jede Fremdsprache – und vielleicht verstehst du anfangs nur Bahnhof. Was dein Herz antwortet, muss auch nicht immer das ultimativ „Richtige“ für dich sein und befolgt werden. Aber vielleicht möchtest du deine Herzstimme in Zukunft ja einfach in deine Entscheidungen miteinbeziehen.

 

Mit dem Herzen die Welt verbessern

 

Wir haben inzwischen gelernt, dass das Herz in mancher Hinsicht tatsächlich so etwas wie ein Liebesorgan ist. Es kann fühlen, sich uns mitteilen, bei Liebeskummer sogar brechen (siehe dazu das Broken-Heart-Syndrom), es besitzt eine eigene vom Kopf unabhängige Intelligenz und je mehr das Herz im Gleichgewicht ist, umso besser geht es auch Körper, Geist und Seele.

Aber es geht noch weiter. Es gibt noch etwas, was du über dein Herz wissen solltest:

Das elektromagnetische Feld des Herzens ist das stärkste des Körpers. Es ist 5.000 mal stärker als das des Gehirns. Es kann sogar deutlich außerhalb des Körpers gemessen werden. Und: Die HeartMath-Forscher konnten nachweisen, dass die von einem Menschen erzeugten elektromagnetischen Informationsmuster des Herzens nicht nur die eigenen Gehirnwellen, sondern auch die einer anderen Person in unserer Nähe beeinflussen (Krutti, 2015, S. 113f). Vereinfacht ausgedrückt: Andere Menschen können unsere Herz-Energie spüren und sich mit ihr synchronisieren.

Wie faszinierend diese Herz-Energie wirkt, zeigt die Geschichte von einem 1995 geborenen Zwillingspärchen (De Pape, 2014, S. 185):

 

Die beiden Zwillingsschwesterchen wurden direkt nach ihrer Geburt in unterschiedliche Brutkästen gelegt. Eines der Babys hatte einen unregelmäßigen Herzschlag, war sehr unruhig, schrie und ließ sich durch nichts und niemanden beruhigen. Als eine Krankenschwester die beiden Zwillinge kurzerhand zusammen in einem Brutkasten unterbrachte, legte das ruhigere Baby instinktiv den Arm um sein Schwesterchen, deren Zustand sich fast unmittelbar besserte. Es hörte auf zu schreien und sowohl Herzschlag als auch Atmung stabilisierten sich.

 

Forschungen am HeartMath-Institut konnten zeigen, dass wir Menschen uns über unsere Herzaktivität gegenseitig positiv beeinflussen können – völlig unbewusst. Nämlich immer dann, wenn unser Herz im Gleichgewicht ist. Dann können wir andere Menschen mit unserer Herzkohärenz regelrecht anstecken. Die Hypothese, mit der sich die Global Coherence Initiative des HeartMath-Instituts beschäftigt, lautet deshalb:

Wenn immer mehr Menschen die Herzkohärenz zu ihrem inneren Grundmuster machen, bleibt das nicht ohne positive Auswirkungen auf unser gesamtes Umfeld oder gar das elektromagnetische Feld der Erde (Krutti, 2015, S. 114).

Der erste Schritt dahin ist eine gute Beziehung zu unserem eigenen Herzen. Deshalb kommt hier…

 

Challenge #10

Lasst uns in den nächsten Wochen regelmäßig Herzkohärenz üben, damit wir in unserem Herzen einen treuen und kraftvollen Freund und Begleiter für unseren Alltag entdecken.

 

Wo auch immer du gerade bist, ich schicke dir die herzlichsten Herzensgrüße und verabschiede mich mit diesen weisen, ja sogar wissenschaftlichen Worten aus dem Buch „Der kleine Prinz“:

 

„Adieu, sagte der Fuchs. Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach:

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

 

Deine

 

Stephanie

 

Quellen:

  • De Pape, B.t (2014): The Power of the Heart. Finde den wahren Sinn deines Lebens. Knaur Verlag.
  • Heinrich, C. (2016): Tust du mir gut? Verfügbar unter: http://www.zeit.de/2016/38/liebe-gesundheit-nervensystem-koerper-gehirn-geist-biochemie/komplettansicht [letzter Zugriff: 21.11.2017]
  • Krutti, R. (2017): Das kleine Gehirn im Herzen. Verfügbar unter: http://blog.heartmathdeutschland.de/das-kleine-gehirn-im-herzen/ [letzter Zugriff: 21.11.2017]
  • Krutti, R. (2015): Die heilende Intelligenz des Herzens. Raum & Zeit Thema, Nr. 23, S. 110-114.
  • Krutti, R. (2016): Emotionale Zustände sind messbar. Verfügbar unter: http://blog.heartmathdeutschland.de/emotionale-zustaende-sind-messbar/ [letzter Zugriff: 21.11.2017]
  • Schlenzig, T. (2013): Was Dein Herz Dir sagen will. Verfügbar unter: http://mymonk.de/was-dein-herz-dir-sagen-will/ [letzter Zugriff: 21.11.2017]

 

Photo: Jamez Picard

2 Antworten zu “Challenge #10”

  1. Enderle Wilfried sagt:

    Hallo Steffi,
    das sind absolut interessante Informationen zum Thema „Herz“, die ich so noch nicht (alle) kannte bzw. wußte. Dafür von mir ein „herzliches“ Dankeschön!
    Liebe Grüße
    Willi

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