Challenge #8

Warum wir andere verurteilen und wie wir damit aufhören

Psychotherapie und Hypnose Roschanski Augsburg - warum wir verurteilen

Photo by Matt Artz on Unsplash

 

Hat dich das Richter-Syndrom schon mal erwischt? Ich kenne es gut. Es gab Zeiten, da spielte ich nonstop Richterin. Ich thronte täglich auf dem Richterstuhl. Die Welt, in der ich lebte, war voller Täter und Feinde. Egal, wo ich war – beim Einkaufen, in der Uni, im Café – überall Täter und Feinde. Und ich verurteilte sie alle. Ich war eine gnadenlose Richterin:

 

Klar, dass der dick ist, wenn er nur so einen Mist in sich reinstopft! Wie kann die bloß mit solchen Klamotten rumrennen? So ein Depp, merkt der nicht, dass er mit seinem Gequassel nervt? Boah, die denkt wohl auch, sie ist ein Supermodel, so überheblich wie die ist.

 

Richtig übel, oder? Und wirklich nichts, was man gerne zugibt. Inzwischen habe ich mich um Welten gebessert. Aber vollkommen immun gegen das Richter-Syndrom bin ich noch nicht. Und ich vermute, dass auch du hin und wieder diese fiesen kleinen Kaulquappen im Kopf hast, die immerzu quaken, andere abwerten und verurteilen. Oder hast du es schon mal geschafft, ein Stündchen durch die Stadt zu gehen und über niemanden zu urteilen?

 

Warum machen wir das? Tut uns das gut? Und wie schaffen wir es, den Richterstab zumindest zeitweise aus der Hand zu legen? In diesem Artikel bekommst du einige Antworten und am Ende natürlich auch eine Challenge. 😊

 

Warum wir urteilen

 

Es gibt viele verschiedene Gründe, warum wir (ver-)urteilen. Hier sind einige davon:

 

1. Weil es in unserer Natur liegt
Der Verstand ist eine Bewertungsmaschine. Dazu haben wir ihn, das ist sein Job. Und das ist auch gut so. Denn Bewertungen sind wichtig für unsere Sicherheit und unser Überleben. Für einen Steinzeitmenschen, der plötzlich einem Säbelzahntiger gegenüberstand, war es überlebenswichtig, die Situation in Sekundenschnelle zu beurteilen und darauf zu reagieren: kämpfen oder fliehen? Und auch heute noch brauchen wir dieses Urteilsvermögen, um die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen und zu agieren: Ob im Straßenverkehr, bei der Partnerwahl oder im Job. Urteile und Bewertungen passieren ständig. Nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst. Ohne sie wären wir aufgeschmissen. Es wäre also sicher nicht sinnvoll, diesen Mechanismus komplett auszuschalten.

 

2. Weil wir soziale Wesen sind

Weil es in sozialen Gruppen immer eine Ordnung geben muss, befinden wir uns in einem ständigen Macht- und Statuskampf. Wer herrscht? Wer dient? Wir vergleichen uns ständig automatisch mit anderen, um auszuloten, wo wir stehen.

 

3. Weil wir mit uns selbst nicht im Reinen sind

Wenn wir uns unsicher fühlen mit uns und unserem Wert, tut es uns gut, den Scheinwerfer auf andere zu richten, um von uns abzulenken. Oh, es ist so erleichternd, auf den zu zeigen, der finanziell noch mieser dran ist, noch erfolgloser, noch überforderter. Schau mal den an, DER ist wirklich ein Versager. Und selbst, wenn wir neidisch auf jemanden sind, uns bedroht fühlen von dessen Erfolg, Reichtum oder Schönheit, werten wir ihn ebenfalls so lange ab, bis unser Ego wieder zufrieden ist. „Den Erfolg hat er ja nur seinem reichen Papa zu verdanken.“ „Die sieht ja nur so aus, weil sie zig Schönheits-OPs hinter sich hat. Ungeschminkt will ich die nicht sehen.“ Wir erhöhen uns, indem wir andere erniedrigen.

 

4. Weil wir Teile von uns ablehnen und unterdrücken

Was wir bei uns selbst nicht wahrnehmen können, fällt uns manchmal umso mehr bei anderen auf. Manchmal erinnern uns die vermeintlichen Fehler des anderen (mehr oder weniger unbewusst) an unsere eigenen Schattenseiten, die wir ablehnen und ins dunkelste Ecklein verbannt haben. Hält sie uns jemand wie ein Spiegel vor die Nase, macht uns das wütend.

 

5. Weil wir es so gelernt haben

Vielleicht waren unsere Eltern schon notorische Richter und wir haben uns, ohne es zu merken, ebenfalls die Richterrobe übergestreift. Wir sind ihnen einfach blind gefolgt, weil uns dieser Weg bekannt und vertraut war und wir keine Idee davon hatten, wie es anders gehen kann.

 

Was ständiges Urteilen mit uns macht

 

Hast du Lust auf ein kleines Experiment? Dann tu jetzt so, als hättest du gerade dein Urteil über jemanden gefällt, und zeige mit dem Finger auf ihn. Du wirst feststellen: Drei Finger deiner Hand zeigen dabei auf dich selbst.

 

Buddha bringt das so auf den Punkt:

„An Ärger festzuhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere dadurch stirbt.“

 

Klar, für den Moment fühlen wir uns gut, wenn wir über andere urteilen und uns dadurch selbst erhöhen. Aber das gute Gefühl ist so nachhaltig wie Frustessen oder Frustshoppen. Mit dem nächsten Wimpernschlag ist es verflogen. Was zurückbleibt ist das Gift in uns. Es breitet sich aus und setzt sich in jeder Faser unseres Körpers fest.

 

Was wir uns durch ständiges Verurteilen erschaffen, ist eine Welt, die mit jedem Urteil dunkler und verlorener wirkt. Eine Welt, in der alle Menschen zum Kotzen sind. Niemand erfüllt meine Erwartungen, meine hohen Standards und Wertvorstellungen und der Frust darüber breitet sich auf alle Bereiche aus. Ich werde immer unzufriedener, weil die Dinge verdammt noch mal nicht so sind wie sie in meinen Augen zu sein haben. Die Menschen, die Politik, der Urlaub, mein Leben. Irgendwann sitzt auf meiner Nase eine unsichtbare Richter-Brille, von der aus betrachtet die ganze Welt finster erscheint, egal wo ich bin und was ich sehe. Der Bewertungsmechanismus hat sich verselbständigt, führt ein fieses Eigenleben.

 

Wie wir mit dem Urteilen aufhören

 

Wahrscheinlich wirst du der Urteilerei nicht von heute auf morgen ein Ende setzen können. Aber diese vier Tipps helfen dir, dass es täglich weniger wird.

 

1. Werde dir bewusst, wenn du urteilst

Wir haben die Vorstellung, dass ein wahrlich „guter“ Mensch die Welt absolut urteilsfrei und ausschließlich mit den Augen der Liebe wahrnehmen sollte und sich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen lässt. Aber ist das wirklich realistisch? Setzen wir uns damit nicht einem enormen Druck und viel zu hohen Erwartungen aus und machen uns ganz kirre damit?

Wäre es nicht authentischer, wenn wir das Verurteilen nicht unterdrücken, sondern uns stattdessen dieses Bewertungsmechanismus bewusst werden und ihn dadurch Stück für Stück entkräften?

Wenn du das nächste Mal im Bus, beim Einkaufen oder beim Autofahren wieder ins Verurteilen kommst, dann registriere es einfach: „Oh, ich verurteile gerade wieder.“ Nimm dann die Situation und deine Bewertung als zwei getrennte Dinge wahr. „Aha, das passiert gerade und dies ist also meine Bewertung dazu.“ Anschließend kannst du entscheiden, ob du dieser Bewertung Glauben schenken willst oder ob du die Situation/den Menschen vielleicht auch jenseits dieser Bewertung wahrnehmen könntest.

 

2. Wisse, dass du nichts weißt

Vergangenen Sommer musste ich mich tierisch über eine Autofahrerin aufregen, die vor mir fuhr. Wie eine Irre wechselte sie ständig die Spur, bremste plötzlich, gab wieder Gas. Was für eine Spinnerin! An der nächsten roten Ampel stieg sie aus ihrem Auto und klopfte völlig aufgelöst an meine Scheibe. Wie sich herausstellte, hatte sie eben erfahren, dass ihr Mann einen schweren Unfall hatte und schon auf dem Weg in den OP sei. Und sie suchte verzweifelt den Weg ins Klinikum.

Die Wendung dieser Story hat mich gelehrt: Wir wissen nicht, warum jemand so ist wie er ist. Denn wir kennen nie die ganze Geschichte dahinter. 

Eine indianische Weisheit sagt:

„Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.“

 

3. Sei dir bewusst, dass deine Sichtweise nicht die einzige Wahrheit ist

Wir glauben oft, dass unsere Sicht auf die Dinge die einzig richtige sei und unsere Wertvorstellungen für alle Menschen gelten müssten. Wenn alle so wären wie ich, wäre die Welt doch in Ordnung, oder? 

Dazu eine schöne Geschichte (in aller Kürze):

Eine Gruppe Blinder steht um einen Elefanten herum. Einer berührt den Rüssel des Tieres und verkündet, ein Elefant sei wie ein Schlauch. Ein anderer legt seine Arme um ein Bein des Tieres und sagt, ein Elefant sei wie ein Baum. Ein Dritter streicht mit seiner Hand am Rumpf entlang und meint, ein Elefant gleiche einer Wand. Ein Vierter greift nach dem Schwanz und sagt, dass ein Elefant wie ein Seil sei. Jeder hatte recht und doch lag jeder falsch. Denn sie konnten nicht das gesamte Bild sehen. Das wäre nur gelungen, wenn sie alle Teile zusammengefügt hätten, bis das wahre Bild des Elefanten entstanden wäre. (Verfasser unbekannt)

In Zukunft kannst du dir vorstellen, dass all die uneinsichtigen, nervigen Menschen in der Welt ihre Hand gerade einfach nur an einer anderen Stelle des Elefanten haben als du.

 

4. Entdecke das verborgene Geschenk

Vielleicht bringt ausgerechnet die arrogante Ziege, der bockige Sturkopf oder der Doofian ohne jeden Sinn für Mode ein besonderes Geschenk für dich mit? Vielleicht ist genau der Mensch, der dich so unfassbar aufregt, ein kleiner Bote, der dich anstupst, als wollte er sagen: Hey Liebes, siehst du? Hier ist noch ein Teil in dir, der noch nicht ganz heil ist und deine Zuwendung braucht.

 

Challenge #8
Lass uns in den nächsten vier Wochen achtsam urteilen. Lass uns kurz innehalten, wenn wir wieder Richter spielen, und unser Urteil hinterfragen. Verwechseln wir gerade Bewertung und Realität? Kennen wir die ganze Geschichte? Ist unsere Perspektive die einzig wahre? Versteckt sich vielleicht irgendwo ein Geschenk für uns? Schauen wir dem Richter in uns einfach ein wenig auf die Finger. Aber bitte: Ohne dich dabei schon wieder selbst für deine Urteile zu verurteilen!

 

Wann und in welchen Situationen neigst du besonders dazu, Richter zu spielen? Welchen Tipp hast du, um dagegen zu steuern? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

Kennst du noch mehr Hobby-Richter? Dann teile diese Challenge auf Facebook!

 

Von Herzen alles Liebe

 

Deine

 

Stephanie

 

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