Spezial

Wie du Menschen nach Schicksalsschlägen eine echte Hilfe bist: 14 Dos und Don’ts

Hypnose Roschanski Augsburg - Trauerbewältigung

Foto: Kendal Husband, unsplash.com/@kendal_husband

 

Manchmal passieren unfassbar traurige Dinge. So wie letzte Woche, als ein kleiner Junge, den ich über mein Ehrenamt beim ambulanten Kinderhospizdienst kennenlernen durfte, gestorben ist.

 

Wenn die Worte fehlen…

Am Tag vor seiner Beerdigung saß ich am Schreibtisch mit Trauerkarte, Füller und einer riesigen Angst, das Falsche zu schreiben. Bloß nicht ins Fettnäpfchen treten! Bloß keine unangemessenen Worte verwenden! Auf keinen Fall die Eltern verärgern! Aber was um Himmels Willen schreibt man, wenn ein Kind gestorben ist???

Tragödien wie der Tod lieber Menschen, lebensbedrohliche Diagnosen oder andere Katastrophen berühren uns im Herzen und wir fühlen mit den Betroffenen. Trotzdem fällt es uns oft schwer, in solchen Situationen die „richtigen“ Worte (und Taten) zu finden.

Ich glaube, das Problem ist nicht, dass wir in solchen Momenten nicht genug Mitgefühl und Liebe in uns tragen, sondern dass wir diese Gefühle nicht zum Ausdruck bringen können.

Woher sollen wir es auch wissen? Wir haben nie gelernt, was man sagt oder tut, wenn ein Mensch gestorben ist oder jemand erfahren hat, dass er unheilbar krank ist. Wir empfinden solche Situationen als extrem heikel und sagen dann lieber gar nichts als das Falsche.

 

Am besten schweigen?

Das kann nicht die Lösung sein, habe ich mir gedacht und deshalb beschlossen, mich näher mit diesem Thema zu befassen und dieses Mach-die-Welt-besonders-Spezial mit euch zu teilen. Es soll dir helfen, die Scheu zu verlieren, und dir Anregungen geben, wie du einen Freund oder eine Freundin in schweren Zeiten wirklich unterstützen kannst. Du erfährst, was genau du sagen und besser nicht sagen solltest, wenn jemand mit Trauer und Verlust zu kämpfen hat, selbst schwer krank ist oder einen anderen Schicksalsschlag erlitten hat.

 

Das ist das A und O!

Die wichtigste Grundregel lautet: Lass niemals zu, dass deine Angst, etwas Falsches zu sagen, dich davon abhält, überhaupt irgendetwas zu sagen oder zu tun!

Ich erinnere mich gut an die erste WG-Party, auf die ich einige Wochen nach dem Tod meines Vaters ging. Niemand dort sprach mich auf meinen Vater an. Das Thema wurde totgeschwiegen. Heute weiß ich, dass das keine böse Absicht war, sondern nur Angst und Unsicherheit meiner Studienkollegen. Aber damals hat mich dieser Abend völlig verstört und verletzt. Es klingt egoistisch, aber ich hatte mir wirklich gewünscht, dass der Verlust und Schmerz, den ich durchlitten hatte, irgendwie gewürdigt würde. Vielen lag es auf der Zunge, etwas zu sagen. Die Spannung fühlte sich an wie ein riesiger Luftballon kurz vorm Platzen. Aber keiner hat sich getraut, mit der Nadel reinzupiksen. Dabei wäre alles besser gewesen als zu schweigen.

Mein allererster und wichtigster Tipp ist deshalb: Wenn Menschen trauern oder sonstigen Schmerz durchleiden, geh aktiv auf sie zu! Mach den ersten Schritt, ohne dich aufzudrängen. Frag ehrlich nach, wie es ihnen geht, und sei offen für jede Antwort. Hab keine Angst! Manche haben schon viel Unverständnis erfahren und überspielen deshalb ihre Trauer, um andere nicht zu belasten oder in Verlegenheit zu bringen. Sie sind froh, wenn ihnen endlich mal jemand zuhört und sich Zeit nimmt.

 

Was kannst du noch tun, um bei Schicksalsschlägen eine echte Stütze zu sein? Worauf solltest du besser verzichten? Hier kommen 14 Dos und Don’ts:

 

Dos

 

1. Einfach da sein

Wir glauben immer, dass wir mit großartigen Weisheiten um die Ecke kommen müssen, um andere zu trösten. Dabei reicht es, einfach nur da zu sein. Tränen aushalten. Schweigen aushalten. Eine Hand halten. Eine stille Umarmung schenken. Und zuhören, immer wieder zuhören, statt selbst zu reden. Das können nur wenige!

 

2. Sag diese beiden Dinge

Die Amerikanerin Andi O’Conor musste nicht nur einmal, sondern sogar zweimal miterleben, wie ihr Haus abbrannte. Auf ihrem Blog burningdownthehouseblog.com schreibt sie über ihre Erfahrungen und gibt Tipps, wie man Menschen unterstützen kann, die sich inmitten einer Tragödie befinden. O’Conor schreibt, dass bereits diese zwei Sätze ausreichen, um eine echte Stütze zu sein:

„Es tut mir so leid. Wie kann ich helfen?“

Und dann sei einfach da für die Menschen, weine mit ihnen, bring ihnen Decken und etwas zum Essen und höre ihnen zu.

 

3. Mach konkrete Angebote

Oft sagen wir Dinge wie: Ich bin für dich da. Melde dich, wenn du etwas brauchst. Das ist super! Aber im Normalfall werden sich die Leute nicht melden. Sie tun sich leichter, konkrete Angebote anzunehmen. Geh deshalb immer mal wieder auf sie zu und biete Hilfe an: Ich habe Lasagne gekocht – kann ich dir ein Stück vorbeibringen? Auf dem Rückweg komme ich an deinem Haus vorbei, ich könnte deine Bügelwäsche mitnehmen. Frag nach, was genau gerade gebraucht wird und was guttun würde! Vielleicht ein kleiner Spaziergang an der Sonne oder ein Treffen im Café!?

 

4. Sei ehrlich

Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, dann sag es! Verbieg dich nicht, sondern sprich deine Unsicherheit und Hilflosigkeit an. Sag: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich wünschte, ich hätte jetzt die richtigen Worte parat.“

 

5. Verschicke eine Karte

In Zeiten von WhatsApp, Facebook und E-Mails kann es für Trauernde so schön und wertvoll sein, eine handgeschriebene Karte zu bekommen, die man immer wieder zur Hand nehmen und lesen kann. Du kannst beispielsweise eine Geschichte oder Anekdote über den Verstorbenen erzählen. Lass die Trauernden wissen, welch positiven Einfluss der Mensch auf dein Leben hatte und wie sehr du ihn geschätzt hast. Damit reißt du keine Wunden auf, sondern hilfst den Trauernden, sich mit dem Verstorbenen verbunden zu fühlen. Vielleicht willst du schreiben, wie leid dir der Verlust tut und wie schön es ist, den Menschen gekannt zu haben. Vielleicht möchtest du der Familie auch allen Segen wünschen, damit sie gut durch diese schwere Zeit kommen.

 

6. Lass Rituale sprechen

In schweren Zeiten sagen schöne Rituale manchmal mehr als tausend Worte. Ich habe beispielsweise immer ein Teelicht angezündet und daneben ein kleines Engelchen gestellt, wenn es dem kleinen Jungen, von dem ich dir zu Beginn erzählt habe, schlecht ging. Den Eltern habe ich ein Foto davon geschickt. Ich glaube, es tat ihnen gut, dass jemand an ihren Sohn gedacht und für ihn gebetet hat. „Und auch wenn es nur einer oder eine ist, nur ein Mensch, der für mich hofft, für mich betet, an mich denkt, und wenn es nur einer ist, es bedeutet einen Unterschied“, schreibt Waldemar Pisarski so schön in seinem Buch „Auch am Abend wird es Licht sein“. Für die Beerdigung des Jungen habe ich dann noch eine kleine bunte Flaschenpost mit guten Wünschen für ihn gebastelt und sie als „Luftpöstchen“ an sein Grab gestellt. Diese wunderbare Idee hat mir eine wunderbare Freundin zugesteckt. DANKE DAFÜR! Vielleicht findest du auch für deinen Freund / deine Freundin ein passendes Ritual, das Trost, Kraft und Hoffnung schenkt.

 

7. Sei da, wenn andere weg sind

Oft haben wir bestimmte Vorstellungen davon, wie lange jemand zu leiden oder zu trauern hat und wann es dann doch endlich mal gut sein sollte. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Vielleicht kannst du genau dann in die Lücke springen und Hilfe anbieten, wenn alle anderen schon weg sind.

 

8. Um es auf den Punkt zu bringen

Lass die Menschen in all ihrem Kummer, ihrer Sorge und Trauer einfach wissen, dass du sie liebst, dass sie nicht alleine oder vergessen sind und dass du da bist und hilfst.

 

Don’ts

 

1. Beurteile und verurteile nicht

Versuche, die Gefühle des anderen nicht zu beurteilen oder zu beschwichtigen. Sätze wie „Schau, dem geht’s doch noch viel schlechter als dir“  trösten nicht, sondern signalisieren: „Stell dich nicht so an!“

 

2. Gib keine Ratschläge

Manchmal ist es besser, sich mit (gutgemeinten) Ratschlägen zurückzuhalten und dafür mehr zuzuhören. Meistens kommen so ganz von allein gute Ideen und neue Gedanken.

 

3. Verzichte auf Floskeln wie…

  • „Wenigstens…“ oder „Sei froh…“, z.B. „Wenigstens seid ihr gut versichert“ oder „Sei froh, dass du zumindest noch ein gesundes Kind hast.“
  • „Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“ Solange wir nicht exakt das gleiche durchlebt haben, wissen wir nicht, wie der andere sich fühlt. Damit machen wir nur die Probleme des anderen klein.
  • „Das wird schon wieder.“ Das ist oft eine Lüge. Vielleicht wird alles irgendwann gut, aber es wird sicher nie wieder so wie früher.
  • „Es war wohl das Beste so.“
  • „Du musst jetzt stark sein.” In Ausnahmesituationen muss niemand stark sein!

 

4. Halte dich zurück mit Geschichten anderer
Wenn du jemanden mit der gleichen Erkrankung oder einem ähnlichen Problem kennst und es kein gutes Ende nahm, dann behalte diese Geschichte für dich.

 

5. Beginne keine Diskussion über Gott, Schicksal oder Karma
Ein starker Glaube gibt Menschen in schweren Krisen Halt. Schicksalsschläge können das Vertrauen in Gott und die Welt aber auch grundlegend erschüttern. Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen in solch besonderen Zeiten offen sind für Ideen wie „Alles hat seinen Sinn“, „Gott gibt dir nur das, was du tragen kannst“.

 

6. Sprich (noch) nicht über die guten Seiten

Niemand will in schweren Momenten hören, wie man irgendwann gestärkt aus der Sache gehen wird. Lassen wir den Leuten ihre schlechten Gefühle! Es ist wichtig, sie mit ihnen auszuhalten. Natürlich sollst du deine Hoffnung, dein Vertrauen und deinen Optimismus ganz fest im Herzen behalten. Irgendwann werden die Menschen sich wieder dem Positiven zuwenden wollen und dann stehst du bereit!

 

Ich hoffe, du hast jetzt eine Idee davon bekommen, wie du in schweren Zeiten für deine Lieben da sein kannst. Vor allem hoffe ich, dass du dich in künftigen Situationen sicherer fühlst und keine so große Angst mehr hast, auf den anderen zuzugehen und seine Hand zu halten. 

Bitte mach dir bewusst, dass all das nur Anregungen sind und kein pauschales „So muss es sein“. Jeder Mensch ist anders, jedem tut etwas anderes gut. Ich weiß, dass du ein großes Herz hast und genau richtig liegen wirst, wenn du einfach darauf hörst.

Meistens erinnern sich die Leute sowieso nicht an die Sätze, die du gesagt hast, sondern daran, dass du einfach nur da warst – liebevoll und furchtlos.

 

Deine

 

Stephanie

 

 

Teile diesen Beitrag, wenn er dir gefallen hat